Londoner Nebel
Wir fuhren nach der Eisenbahn, ich und mein Mantelsack – in einem Einspänner, Nummer hundertundelf. Es ging in vollem Galopp. Ich wollte London noch etwas beschauen und lehnte mich aus dem Wagenfenster. »Wo bist du, London, schöne Stadt von zwei Millionen Einwohnern! Wo bist du?« Aber London war nicht zu sehen, denn London war im Nebelschleier verborgen. Graugelbe Finsternis umhüllte die Pfade, und der Kutscher konnte kaum den Weg finden. An St. Pauls Kirche mußten wir haltmachen; ich pfiff eine Arie aus dem Freischütz, der Kutscher schimpfte auf englisch, und unser Roß ließ den Kopf hängen, als ob es über sein Pferdeschicksal nachdächte. Um uns herum entwickelte sich aber ein nebelhaft schönes Schauspiel. Nachmittags um vier Uhr, wo in Deutschland die Kinder aus der Schule kommen, wo die alte Tante ihre sechste Tasse Kaffee trinkt – ich sage: nachmittags um vier Uhr ging in London plötzlich die Sonne auf! Dies kam sehr unerwartet, denn man dachte gar nicht daran, daß die gute Frau heute noch erscheinen würde. Ein Schrei der Verwunderung entfuhr mehreren Kehlen, so daß ich erschrocken von meinem Sitz aufsprang, den Wagenschlag herunterdrückte und mich nach allen Seiten umsah. Anfangs bemerkte ich keineswegs den Grund dieses plötzlichen Entzückens. Auf dem Platz vor uns brannten die zwei großen Laternen, zwei trüben Talglichtern ähnlich, und ringsherum lagen die finstern Häuser