Das Letzte Lied
Die Nacht verging wie ein einziger Atemzug. Lina spielte, und die Elfen tanzten, und die Ruine erblühte um sie herum — Mauern richteten sich auf, Türme wuchsen in den Himmel, Gärten entfalteten sich aus dem Nichts, alles aus Musik gemacht, filigran und vergänglich wie ein Traum, den man im Moment des Aufwachens vergisst.
Als der erste Streifen Morgenrot den Horizont berührte, veränderte sich die Melodie. Sie wurde langsamer, leiser, trauriger, und die Gestalten begannen wieder zu verblassen. Die älteste unter ihnen — ein Wesen, dessen Haar wie flüssiges Silber floss — trat vor Lina und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die Berührung war warm und kühl zugleich, fest und zart, und in Linas Kopf erklang eine Stimme ohne Worte, die sagte: Vergiss uns nicht.
Lina spielte das letzte Lied, als die Sonne über den Schwarzwald stieg. Die Elfen lösten sich auf wie Nebel im Morgenlicht, die Burg zerfiel zurück in ihre Ruine, und die Stille kehrte zurück. Aber es war eine andere Stille als zuvor — eine gefüllte, eine erwartungsvolle, als hielte der Ort den Atem an bis zur nächsten Mittsommernacht. Lina packte ihr Cello ein und stieg den Berg hinunter. In ihrem Kopf klang die Melodie weiter, und sie wusste, dass sie wiederkommen würde.
