Chapter

Die Ruine

Die Ruine der Hohenburg lag seit dreihundert Jahren im Dornröschenschlaf, überwuchert von Efeu und vergessen von allen außer den Wanderern, die gelegentlich den steilen Pfad hinaufstiegen, um die Aussicht zu genießen. Lina war keine Wanderin. Sie war Cellistin beim Symphonieorchester Freiburg, und sie war hier, weil sie ein Stück Musik suchte, das es nicht geben sollte. In einem Antiquariat hatte sie eine Partitur gefunden, handgeschrieben auf Pergament, das so alt war, dass es bei Berührung zu zerfallen drohte. Die Noten waren in keinem System notiert, das sie kannte, aber als sie sie auf dem Cello gespielt hatte — tastend, unsicher, eine Note nach der anderen — hatte die Musik etwas in ihr ausgelöst, das sie nur als Heimweh beschreiben konnte, obwohl es ein Heimweh nach einem Ort war, den sie nie besucht hatte. Die Partitur trug einen Vermerk: Hohenburg, Mittsommernacht. Also stand Lina hier, ihr Cello auf dem Rücken, und wartete auf den Sonnenuntergang. Als das letzte Licht über den Schwarzwald fiel, begann die Ruine zu singen — leise zuerst, dann lauter, eine Melodie, die aus den Steinen selbst zu kommen schien, als erinnerten sie sich an etwas, das sie einst gehört hatten.

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