Kapitel 1
Heinrich Günther horchte an seiner Stimmgabel; er ließ sie dann wieder sinken und schaute über die Brüstung der Orgelempore in die mattbeleuchtete Kirche hinunter. Sie war nur mäßig besucht, immerhin aber viel stärker als vor Beginn der musikalischen Verbrämung des Abendgottesdienstes. Pastor Erdmann hatte recht gehabt. – „Singt sie mir herein, Güntherchen“, hatte er gesagt, „singt sie mir in die Stimmung. Haben sie den Nachklang von so etwas Feinem, Edlem im Ohr, dann hören sie mir nachher besser zu. So eine Motette nach dem Muster der alten Thomasschule in Leipzig, das war schon lange mein Traum. Studiert habt ihr ja genug im stillen. Nun heraus mit dem gesungenen Gebet!“ Da waren sie denn auch heute wieder, nur ihrer zwanzig, ein kleiner, bescheidener Sängerchor, aber lauter gute, feingeschulte Stimmen, lauter musikalisch andächtige Herzen. Und drunten am Altar stand der Pastor, noch den Rücken hergewandt und blätterte in seinem Buch. Jetzt breitete er es auseinander und drehte sich langsam um. Günther schlug sacht mit der Stimmgabel an die Säule, neben der er stand, und stieg dann auf den hohen, breiten Schemel, seinen Dirigentenplatz – zu einem regelrechten Pult hatten sie es noch nicht gebracht. „Mmmmm!“ summte er leise, etwas vorgebeugt, seiner aufmerksam lauschenden kleinen Schar den Grundton zu. Wie ein Hauch kam es vierstimmig mit dem Anfangsaccord zurück. Günther