Der Liebestrank
In einer dunklen regnerischen Nacht des Sommers 182* kam der junge Leutnant Liéven vom 96. Regiment, das in Bordeaux steht, aus dem Kaffeehause. Er hatte sein gesamtes bares Geld verspielt, und da er ein armer Schlucker war, so ärgerte er sich über seine Torheit. In dieser Stimmung schritt er – es mochte etwa zwei Uhr sein – durch die Stille einer der ödesten Gassen des Stadtviertels Lormond, als er plötzlich Lärm hörte. Krachend flog eine Haustür auf; ein menschliches Wesen stürzte heraus und fiel ihm gerade vor die Füße. Es herrschte aber eine derartige Stockdunkelheit, daß er sich alle diese Vorgänge nur aus den Geräuschen zusammenreimen konnte. Die zu vermutenden Verfolger der Person blieben offenbar im Hause zurück, weil sie die Tritte des Vorüberkommenden vernommen hatten. Der Offizier lauschte einen Augenblick. Er hörte Stimmengeflüster hinter der Türe; indessen zeigte sich niemand. Der ganze Vorfall war ihm widerwärtig, dennoch hielt er es für seine Pflicht, dem am Boden liegenden Menschen aufzuhelfen. Jetzt erst nahm er wahr, daß dieser nur ein Hemd anhatte, und trotz der tiefen Dunkelheit kam es ihm vor, als erkenne er langes aufgelöstes Haar. Es war also ein weibliches Wesen. Das war eine Entdeckung, die dem Leutnant durchaus nicht behagte. Es war der Wiederaufgerichteten sichtlich nicht möglich, ohne fremde Hilfe zu gehen. Abermals mußte sich der Offizier die