Chapter

Eine Frauenbeichte

Als Fräulein Kamilla Waitz, die Vorsitzende einer ethischen Gesellschaft, welche den Kampf gegen alle sittlichen Vorurteile auf ihre Fahne geschrieben hat, kürzlich ihren Briefeinlauf durchmusterte, fand sie auch ein Schreiben ihrer Freundin Melanie Brückner, das sich über vier Briefbogen verteilte. Sie las dieses umfangreiche Manuskript staunend zu Ende, zündete sich dann eine neue Zigarette an und reichte es mir schließlich mit den Worten: »Das ist ja eine vollständige Frauenbeichte.« »Auf die Rundfrage bezüglich, die Sie im Namen der ethischen Gesellschaft versandt haben?« »Ja.« »Und Sie werden den Brief in Ihrer nächsten Sitzung zugleich mit den andern Antworten zur Verlesung bringen?« »Nein! Daran verhindern mich die ernsten Vertraulichkeiten, die er enthält, und die bösen Spottworte, mit denen er uns überschüttet. Aber Sie selbst, mein Lieber, mögen ihn immerhin lesen. Vielleicht wird er auch Sie etwas nachdenklich machen.« Und ich las mit wachsender Aufmerksamkeit den ehrlichsten Frauenbrief, der mir jemals in die Hände gekommen ist. * Meine liebe Kamilla! Aber bist du denn ganz und gar verrückt geworden? Ich bin ja von dir allerhand Abenteuerlichkeiten gewöhnt, seitdem du in Zürich den philosophischen Doktortitel erworben und kurz darauf eine ethische Gesellschaft begründet hast, um an Stelle der alten Moral, die mir übrigens noch ganz gut erhalten vorkommt, eine neue

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