Erstes Kapitel
Sie nannten ihn das »eine Auge der Gerechtigkeit«. Es war nicht schön von den Leuten; aber man weiß ja, daß die Spottlust der Menschen auch vor den höchsten Autoritäten nicht Halt macht, weder vor Päpsten, noch vor Königen, weder vor Schwiegermüttern, noch vor der Polizei. Wahrhaftig, sogar diese beste Freundin aller gesitteten Staatsbürger ist nicht sicher vor schlechten Witzen. Und so war auch der Herr Oberregierungsrat Bornträger, vielgefürchteter Chef der Sicherheitspolizei, mit einem Spottnamen bedacht worden. Auf das Monocle, das er trug, besaß er als Reserveoffizier der Kavallerie ein wohlbegründetes Anrecht, und seine Schuld war es doch sicher nicht, wenn die Nase in seinem runden Gesichte so kurz geraten war, daß er die sonderbarsten Manöver machen mußte, um jenes zweckloseste aller Marterinstrumente vor seinem rechten Auge notdürftig festzuhalten. Daß er dazu dies Auge selbst vollkommen zukneifen mußte, wäre an sich nicht so schlimm gewesen; denn durch ein Monocle hat wohl noch niemals irgend ein Mensch irgend etwas gesehen. Aber diese freiwillige Einäugigkeit war auch der Anlaß zu dem häßlichen Spitznamen, den der Herr Oberregierungsrat nun durchs Leben schleppte und womit nebenbei seinen vielen Untergebenen bitteres Unrecht geschah. Denn es gab nicht nur dies eine, sondern Hunderte von Augen der Gerechtigkeit, die mit Selbstverleugnung wachten, suchten und spähten.