Die Linde von Kesselsheim
Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing, Daß ich, erwacht aus meiner stillen Hütte Den Berg hinauf mit frischer Seele ging; Ich freute mich bei einem jeden Schritte Der neuen Blume, die voll Tropfen hing; Der junge Tag erhob sich mit Entzücken, Und alles ward erquickt, mich zu erquicken. Goethe. Unter der groben Linde in Kesselsheim lag eine kleine Strohhütte. Der alte Baum und die Hütte gehörten zusammen wie Schwester und Bruder, und kein Mensch im Dorfe hatte eines von beiden je jünger gekannt, als es jetzt aussah. Schon die Großväter, die an Krückstöcken zwischen den Gärten umherspazierten, hatten den Baum in ihrer Jugendzeit die alte Linde genannt. Es ging aber die Sage, die Vorfahren des jetzigen Eigentümers, die Feilenhauer nämlich, hätten seit undenklichen Zeiten in der Hütte gewohnt. Auf der Stelle der armseligen Hütte aber habe ursprünglich ein stolzes Schloß gestanden. Das sei von einem Grafen von Feilenhauer erbaut worden, dem ringsumher alles Land und aller Wald zu eigen gewesen sei. Die Sage ging noch weiter. Sie erzählte, der Graf von Feilenhauer sei ein kreuzbraver Mann und ein Vater der Armen gewesen, aber er habe einen Bruder gehabt, der ihn um das Seinige betrogen und ihn um Ehre und Vermögen gebracht habe. Nun, das waren alte Geschichten, die man sich aus Kurzweile erzählte, an die aber niemand glaubte. Es hatte