Erstes Kapitel
Auf einsamen Spaziergängen wie im bunten Gewühl des Theaters, im dichten Gedränge der Straßenbummler wie in den lauschigen Winkeln stiller Kirchen, überall ist er mir begegnet, der blasse, hagere Mann mit der Duldermiene eines Christuskopfes. Das schlicht herabfallende schwarze Haar verlieh seinem scharf markirten Antlitz, das dem Seelenkundigen auf den ersten Blick eine lange, ergreifende Leidensgeschichte erzählte, ein noch viel bleicheres, krankhafteres Aussehen. Seine seltsame Erscheinung kam mir im ersten Augenblick bekannt vor; später erlangte ich die Ueberzeugung, daß ich ihm nie vorher im Leben begegnet war; nur seine Aehnlichkeit mit dem dornengekrönten Christusbilde eines berühmten florentinischen Malers hatte mich getäuscht. Außer seiner Persönlichkeit fiel mir auch sein unruhiges zerfahrenes Wesen auf. Sein Benehmen stand nie recht im Einklange mit der Umgebung, in der ich ihn traf. In der Kirche merkte man es aus jeder seiner Mienen, daß seine fieberglühenden Lippen keine Gebete murmelten; aus seinen braunen Augen leuchtete keine Ergebenheit, kein innerer Friede. Im Theater blickte er zerstreut umher. Sein Auge hing fast nie an der Bühne, sondern schien vielmehr im Zuschauerraume Jemand zu suchen. Oft fuhr er erschreckt zusammen; die Form einer Bandschleife, ein malerischer Baschlik, die zarte Gestalt einer vorüberhuschenden Dame, eine Camelie, die sich von einer