Ein gefährlicher Auftrag - Kapitel 1: Die Fensterscheibe
Das war an jenem Junivormittag eine peinliche Ueberraschung für uns, als wir mit dem Gemeindevorsteher des Ortes Dalldorf das in der Nähe der bekannten Irrenanstalt gelegene Häuschen und jenes Zimmer betraten, wo wir vor kaum vierzig Minuten die Leiche der schönen Rosa Linden eingeschlossen hatten, die schon vor ihrem Geständnis Gift genommen und durch einen freiwilligen Tod die beiden an ihren nahen Verwandten begangenen Morde gesühnt hatte. Die Leiche war verschwunden. Das eine Fenster war nur angelehnt. Und wir standen und starrten sprachlos auf das Bett, dessen Steppdecke noch tief eingedrückt war. Dort hatte die Tote gelegen. Dort hätte sie noch liegen müssen, wenn — Und das, was ich nun dachte, kleidete Harald Harst in die leisen Worte: »Sie hat uns abermals überlistet! Sie hat damit gerechnet, daß sie eine geraume Zeit allein bleiben würde. Es war nichts als eine tiefe, künstliche Bewußtlosigkeit von kurzer Dauer mit allen äußeren Anzeichen des bereits eingetretenen Todes.« Der Gemeindevorsteher machte ein ungläubiges Gesicht. »Ist so etwas denn möglich, Herr Harst?« meinte er. »Für Rosa Linden ja. Ihr Vormund, der Chemiker Athanasius Prikola, hat in seinem Laboratorium Gifte aller Art, auch solche, die lediglich Ohnmachten hervorrufen. Er weilte längere Zeit im Ausland, besonders in Japan. Von dort brachte er Pflanzengifte mit, deren Wirkung hier bei uns noch völlig