Chapter

Die Königsthränen

Das ist das schönste Vorrecht bei den Fürsten, Daß ihnen Schmerz und Freude unterthänig. Ein Gnaden-Füllhorn ist das goldne Zepter Und fremdes Leid zu lindern, der Beruf Der Stellvertreter Gottes auf der Erde. » Die Töchter der Sterne,« IV. Scene. Im Königsschlosse zu S… lehnte an einer Fensterbrüstung des oberen Stockwerks ein junger Mann von kaum dreißig Jahren. Er trug einen schwarzen Frack und ein weißes Halstuch, das sehr vortheilhaft das etwas sonnengebräunte Gesicht hervorhob. Die Züge desselben waren edel und nur von einem vielleicht zu strengen Ernst, der noch schärfer durch einen leisen sarkastischen Anflug, von den Mundwinkeln ausgehend, hervortrat. Das dunkle Auge indessen, welches man von großer Schönheit nennen mußte, konnte je nach den Umständen und der Anregung der Seele, entweder den Ausdruck der Strenge bis zu einem verbindlichen Lächeln mildern, oder bis zum höchsten Grade verschärfen. Mit großer Aufmerksamkeit und, wie es schien, mit einer gewissen Neugierde, blickte er hinunter auf den Schloßplatz, wo sich ein buntes wechselreiches Bild des Lebens entfaltete. Ihn fesselte jedoch nicht das marktschreierische Wesen der Verkäufer, nicht das glänzende Schauspiel einer Parade des neunten Regiments, noch der klare blaue Himmel, die heitere Juli-Sonne – am Ende des Platzes, da, wo die Kreuzstraße mündet, stand an einen Pfeiler gelehnt, ein großer starker Mann, der

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