Die Bilanz
Die Zahlen stimmten nicht. Martin Kessler war seit zwölf Jahren Wirtschaftsprüfer bei einer der großen Frankfurter Kanzleien, und er hatte ein Gespür für Zahlen entwickelt, das über das Mathematische hinausging — er konnte fühlen, wenn eine Bilanz log, so wie ein Musiker einen falschen Ton hörte, den andere überhörten. Die Bilanz der Rheinland Holding log.
Es waren keine groben Fehler, keine offensichtlichen Manipulationen. Es waren Nuancen — Buchungen, die technisch korrekt waren, aber in ihrer Gesamtheit ein Bild ergaben, das nicht zum Unternehmen passte. Geld floss in Tochterfirmen, die keine Mitarbeiter hatten, in Projekte, die keine Ergebnisse lieferten, in Länder, in denen die Rheinland Holding keine Geschäftsbeziehungen unterhielt.
Martin hätte den Bericht schreiben können, unauffällig, mit einem Vermerk über geringfügige Unregelmäßigkeiten, die eine nähere Prüfung erforderten. Das wäre der kluge Weg gewesen, der sichere Weg, der Weg, den seine Vorgesetzten von ihm erwarteten. Stattdessen nahm er die Akten mit nach Hause, breitete sie auf seinem Küchentisch aus und begann zu graben.
Was er fand, hielt ihn die ganze Nacht wach.