Erstes Kapitel
»Wollen wir nicht das Fenster ein bischen aufmachen? Ich finde es zum Ersticken heiß.« Ein lebhaftes Für und Wider: Es wird ziehen, wir sind alle so erhitzt – o gewiß – wenigstens etwas. Trotzdem ging Lotte Rienacker und öffnete. Es war in der That unerträglich warm in den beiden ineinandergehenden Zimmern. In dem ersten größeren, das tagsüber als Atelier benutzt wurde, aber auch, wenn die Gelegenheit es fügte, als Empfangsraum diente, strahlte das Auerlicht von einem dreiarmigen Kronleuchter hernieder, das andere Zimmer, Lottes Arbeitsstube, wurde durch rosa Wachskerzen erhellt, die in einem Kranze aus einer alten Bronzeampel aufwuchsen. In beiden Räumen waren die Kachelöfen gut geheizt. Fünf oder sechs Damen waren hier versammelt, zum Teil noch jung und zum Teil hübsch, aber alle mit jenem undefinierbaren, und doch untrügerischen Stempel des Unverheiratetseins auf den Gesichtern, eine gewisse Spannung in den Augenbrauen, eine leise 2 Senkung der Mundwinkel, eine ganz leichte Erschlaffung der Haut, die die Vorstellung von künftigen Falten und Runzeln erweckt. Unter all diesen Damen ein einziger Herr. Ein gutes, junges, rundliches Gesicht unter artig gescheiteltem Blondhaar, das straff und fest, ohne Glanz dem kräftigen Schädel auflag, die blaugrauen Augen, die etwas unsicher blickten, von einer Brille bedeckt. Die mittelgroße, gedrungene Gestalt steckte in einem nicht gerade