Erstes Kapitel
Der Winter hatte Schloß Timmhusen in ein weißes Kleid gehüllt. Unter dicker Schneedecke lagen die schrägen Strohdächer der Wirtschaftsgebäude, der weite Hof und das Schiefergrau der Schloßbedachung. Die Mittagssonne traf blendend auf das jungfräuliche Weiß; sie hatte keine Gewalt über die spröde glitzernden Kristalle, aber sie belebte sie mit einem diamantenen Sprühen und Blitzen, glitt spiegelnd über die Fenster des Schlosses, färbte den dünn kräuselnden Rauch der Schornsteine zart lichtblau und zauberte in das herbe Winterbild eine farbenfrische, heiter stimmende Abwechselung. Komtesse Helene von Luckner, die jüngste Tochter des Gutsherrn, öffnete im oberen Stockwerk des Schlosses ein Fenster, griff mit beiden Händen in den auf dem Sims liegenden Schnee und formte eilfertig einen Ball. Sie beugte sich vor, spähte mit den lachenden Blauaugen nach unten und traf mit keckem Wurf den Vater, der eben in Jagdausrüstung aus dem Schlosse getreten war. Graf Christian von Luckner blickte sich um und blinzelte, als er niemand in der Nähe gewahrte, nach oben. »Racker!« rief er hinauf. Aber das Fenster war schnell wieder geschlossen worden, und nur das Geräusch des Zuschlagens bestätigte ihm, daß er sich in seiner Vermutung über die Herkunft des Scherzgeschosses nicht getäuscht hatte. Auch die Urheberin des Attentats vermutete er richtig, wenngleich er in einigem Mißtrauen eine ungehörige