Die weissen Rosen von Ravensberg (Zweiter Band)
Ein so heiteres Mittagsmahl wie heute hatte in dem »kleinen« runden Speisesaal auf Hochwald seit langer Zeit nicht stattgefunden. Der von der Seeluft geschärfte Appetit und die späte Stunde des Mahles machten es erklärlich, daß man der ausgezeichneten Kochkunst des zwar deutschen, aber darum nicht minder vortrefflichen Koches alle Ehre erwies. Auch was der wohlgefüllte Keller lieferte, war nicht zu verachten, und es war wohl niemand am Tische, der nicht das Seinige dazu beigetragen hätte, die allgemeine vortreffliche Stimmung zu erhöhen. Besondere Heiterkeit erregte es, daß der Professor Glauchau seiner »durchlauchtigsten Wirtin« mit dem Eifer eines Primaners die Cour machte, was Iris mit ihrer reizenden Unbefangenheit als einen vortrefflichen Spaß auffaßte. Hans aus dem Winkel, der berühmte Wagnersänger, erwies sich als ein geist- und lebensprühender Gesellschafter, und der Cavaliere hatte seinen reichen Schatz brillanter Konversationskünste nicht daheim in Italien vergessen. Auch Sigrid trat völlig aus sich heraus und nahm den lebhaftesten Anteil an der Unterhaltung – still und ohne Courmacherei, aber doch augenscheinlich bewundert von Spini, dessen merkwürdige, helle Augen Iris oft lange auf ihrer Schwester weilen sah. Und trotzdem – als die Fürstin Hochwald nach dem Mahl ihrem Sohne droben einen Besuch abgestattet hatte und dann wieder den Salon betrat, wo man eben den