Die weisse Rose
Der erste Januar des Jahres 1850 hatte begonnen. In den Straßen der Residenzstadt M. war es noch lebhaft, und aus einzelnen Häusern erscholl der Jubel fröhlicher Gesellschaften weithin durch die klare, kalte Winternacht. In einem palastähnlichen Hause einer der Hauptstraßen war der erste Stock glänzend erleuchtet, und die Vorübergehenden blieben stehen, um den Tönen einer rauschenden Ballmusik zu lauschen. Vor der mit strahlenden Laternen geschmückten Thür hielten einige Wagen, der zögernden Gäste harrend, die sich den Armen des Vergnügens nicht so leicht entwinden konnten. Es schlug zwei Uhr im Thurme der nahen Kathedrale, als die Gestalt eines Mannes, in einen großen Pelz gehüllt, zu einem der Diener trat, die im Gespräche an den Stufen der Steintreppe standen. „Wer wohnt in diesem Hause, Freund?“ fragte er leise. „Die Commerzienräthin Simoni!“ war die Antwort. „Und sie giebt den Ball?“ fuhr der Fremde hastig fort „Ja, mein Herr.“ „Das trifft sich gut!“ sagte der Mann im Pelze, dann dankte er für ertheilte Auskunft, und trat rasch auf die glänzend erleuchtete Hausflur. Mägde und betreßte Diener flogen die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf und herab, ohne sich um den Eingetretenen zu kümmern. Man sah an ihrer hastigen Eile, daß es galt, eine zahlreiche Gesellschaft zu bedienen. Der Fremde beobachtete einige Minuten das geschäftige Treiben, er schien unschlüssig zu