Die Wallfahrt
Die »Zinken-Marei«, wie sie wegen ihrer wider Wunsch und Willen ganz aus der Richtung getretenen Nase vom teilnahmsvollen Dorfe genannt wurde, trottete im tiefsten Mißmute die Landstraße dahin, die von der schönen Stadt Freiburg im Breisgau das Dreisamtal aufwärts nach Zarten führt. Es war unerhört heiß. Die unbarmherzige Julisonne, die seit Wochen sich bemühte, die schöne harte Straße zu Staub zu brennen, goß heute ihre Gluten in heißen Wellen nieder; man sah die Hitze förmlich, denn die Luft zitterte über dem grellweißen, sengenden Boden. Die Marei litt doppelt darunter. Sie hatte an dem einen Auge, über dem sie aus diesem Grunde eine Binde trug, ein äußerst schmerzhaftes Gerstenkorn, das bei der verzehrenden Hitze und dem feinen, bei jedem Schritt aufwirbelnden Staube unerträglich brannte. Alle möglichen und unmöglichen Sympathiemittel hatte sie schon versucht, und die unsinnigsten am beharrlichsten; allein auch die allerunfehlbarsten hatten, diesmal wenigstens, nichts genützt. Mit allen geweihten Wassern, gebrannten und ungebrannten, hatte sie äußerlich Umschläge und innerlich Berieselungen angestellt. Mit Todesverachtung hatte sie unter anderem volle drei Tage lang einen Absud von Hobelspänen eines für eine reine Jungfrau bestimmten Sarges getrunken; und erst gestern noch schlug sie einen Sargnagel, einen echten rostigen, mittags um drei Uhr in die Kirchtür – der alte