Erstes Kapitel
Die Nacht ist herabgesunken auf das schweigende Nordmeer. Noch lustwandeln auf den Promenadendecks des Luxusdampfers fröhliche Menschen in heiterem Geplauder, und aus den Rauchsalons schallt das Lachen lustiger Zecherrunden. Aber die Macht der Gewohnheit berührt sie an der Schulter, und die Menschenlust wird müde, die sich nur an sich selbst zu entzünden vermag in der lauten Vielheit. Das Leben erlischt über der lautlosen See. Auf Achterdeck lehnt eine Gestalt gegen die Brüstung und träumt in die schaumweiße Kielspur nordische Märchen hinein. Scheu ist der Schlafgott an dem Manne vorübergegangen, als spürte er den Widerpart der alten, starken Götter, die in der Nacht über das einsame Nordmeer schweben. Und auch der sinnende Mann spürt ihre Gegenwart. Das Wunderbare, Rätselvolle, Nie-Gelöste in Luft und Wasser. Und seine Menschenseele möchte sehnend sich dehnen in dem unsagbaren, schmerzlich süßen Empfinden und unsichtbare Bande sprengen, um zu verschmelzen mit der Allmutter Natur, und sie ringt vergeblich nach einem armseligen Wort … »Gute Nacht, Herr Doktor!« Der Träumer fuhr herum und blinzelte mit den Augen in den Lichtstreifen der Schiffslaterne. »Sie sind noch auf, gnädige Frau? Sie werden morgen das Frühstück verschlafen.« »Selbst auf die Gefahr Ihrer Ironie hin.« »Meiner Ironie –? Was hätte wohl meine Ironie damit zu tun?« »O, bitte, keine Entschuldigung. Daß Sie sich