Die verlassene Frau
Zu Anfang des Jahres 1822 schickten die Pariser Ärzte einen jungen Mann in die niedere Normandie, der von einer Fieberkrankheit aufstand, die in irgendeiner Ausschweifung der Arbeit oder vielleicht der Lebensführung ihre Ursache gehabt hatte. Seine Genesung erforderte vollkommene Ruhe, leichte Nahrung, kühle Luft und das Fernhalten jeder äußern Erregung. Das fruchtbare Land von Bessin und das stille Provinzdasein schienen also seiner Wiederherstellung günstig. Er ging nach Bayeux, einer hübschen Stadt zwei Meilen vom Meere, zu einer Cousine, die ihn mit der Herzlichkeit zurückgezogen lebender Menschen empfing, für die das Eintreffen eines Verwandten oder Fremden ein Glück bedeutet. Bis auf einige Gebräuche gleichen sich alle kleinen Städte. Schon nach wenigen Abenden bei seiner Cousine, der Frau von Sainte-Severe, oder im Hause der Personen, die ihre Gesellschaft bildeten, kannte unser junger Pariser, Baron Gaston von Nueil, die Leute, die für diesen gewählten Kreis allein in Betracht kamen. Gaston sah in ihnen das unveränderliche Inventar, das man in allen Hauptorten des einstigen Frankreich wiederfindet. Da war zunächst die Familie, die innerhalb des Departements als ältester, unantastbarer Adel gilt, während man fünfzig Meilen weiterhin nichts von ihr weiß. Diese Art einer ›famille royale‹ lebt auf kleinem Fuße; ihre Verbindungen aber streifen, ohne daß man es denkt, die