Erstes Buch
Eine Berliner Regennacht ausgangs der sechziger Jahre. In der Tiergartenstraße spiegelte sich das Gaslicht in den Pfützen des Pflasters: sparsam nur, denn da nach dem Kalender der Mond am Himmel stehen sollte, so brannte lediglich die dritte Laterne. Aber der Mond hatte sich hinter dem Schwarz der Wolken versteckt, der Tiergarten selbst lag in tiefem Dunkel, nur durch die Hofjägerallee blitzte im Gerinnsel des Nebels ein karges Dutzend unaufhörlich zuckender Lichterchen wie schlaftrunkene Augen. Der Bürgersteig war erst vor kurzem mit neuen Granitplatten belegt worden. Daneben schäumte der Rinnstein mit der Gebärde eines Wildbachs. An das Trottoir schlossen sich vereinzelte Gärten; viel lag noch unbebaut, größere Mietshäuser gab es nicht, aber hier und da doch schon eine stattlichere Villa, wie die sogenannte Degenbrodsche, die einem reichen Butterhändler gehörte und an den ehemaligen hannöverischen Staatsrat Baron Herwey vermietet war. Die Berliner sagten Herwei, mit Betonung des ei, der Staatsrat sprach seinen Namen englisch aus. Daß er früher Herweg gehießen hatte, wußten die wenigsten. Er selbst machte übrigens kein Hehl daraus. Vor der Degenbrodschen Villa hielt ein Klapperkasten von Droschke. Der Insasse schimpfte, denn die verklammte Tür sprang nicht gleich auf. Da gab er ihr einen Fußtritt, und klirrend zerbrach das Glasfenster. Der Kutscher schaute sich ziemlich