Die Schwestern
Wir schreiten, ohne weitere Vorrede, zu der Schilderung der beiden, von der Natur gleich reich begabten Schwestern, die wir unseren Leserinnen vorzuführen die Absicht haben: Manon, die ältere, war in ihrem funfzehnten Lebensjahre, zur Zeit, als wir ihre Bekanntschaft machten, ein schlankes Mädchen von zarter, aber vollkommen schöner Gestalt. Sie hatte blondes, seidenweiches Haar, das in großen üppigen Locken ihr liebliches Gesicht umschloß. Was dieses Gesicht zu einem wunderbar schönen machte, waren nicht die an sich vollkommenen Einzelheiten desselben, die man zerstreut wohl hier und da antrifft, sondern es war die Harmonie des Ganzen, die seltene Verschmelzung von Linien, Färbung und Ausdruck. Die durchsichtige reine Hautfarbe Manons entsprach ebenso vortrefflich der lichten Farbe des Haares, als der langsame Aufschlag ihres Auges genau zu dem schwärmerischen Ausdruck dieses Auges paßte, das, von langen Wimpern beschattet, gleichsam nur dann den Blick der Außenwelt zukehrte, wenn ihm liebliche Bilder zu teil werden sollten. Gegen minder anziehende fiel der seidene Vorhang schützend nieder. Der kleine rosige Mund zeigte, auch wenn Manon nicht lächelte, Zähne von blendender Weiße. Da nun ihre Gemütsstimmung im wesentlichen eine fast ungetrübte gewesen, so lächelte sie auch mit wenig Unterbrechung fast immer, selbst im Schlafe. Die feine kleine Nase hätte kein Meißel zierlicher