Chapter

Die Uhr

Wie wenig gehört doch dazu, das Leben eines Menschen, sein Dichten und Trachten aus der Bahn, die er Jahre lang, sei es im Schneckengang, sei es im Eillauf, verfolgt hat, zu lenken! Das Kleinste genügt, eine Wandlung in seinem Herzen hervorzurufen, ein plötzlicher Eindruck entscheidet über sein Geschick. Weder Alter noch Welterfahrung schützen ihn davor, der Leidenschaftliche steht ebenso unter der Herrschaft einer dunklen Macht wie der Gelassene. Und so könnte ich in diesem belehrsamen Ton, mit dem ich mich nur selbst zur Ruhe zwingen will, noch lange fortfahren und mit ähnlichen Gemeinplätzen viele Seiten anfüllen, auch Beispiele aus der alten und neuen Geschichte reichlich anführen: Leben und Welt blieben, wie sie sind, unberechenbar, verworren, trotz ihrer ewigen Wiederholungen und ihrer eingeborenen Nichtigkeit, für den, der gerade lebt und die Welt anschaut, ein wundersames Räthsel. Nicht umsonst bin ich fünfzig Jahre geworden – ich weiß, daß mir nichts geschehen ist, was nicht Tausenden vor mir auch geschehen, und als Arzt bin ich obendrein noch in der Lage, mir neun Zehntel aller Vorgänge im menschlichen Körper und damit auch in seiner Seele besser erklären zu können als die Mehrzahl meiner Mitgeschöpfe: aber einmal sitzen wir Alle auf einer Sandbank fest. Wenn man in einer großen Hauptstadt ein Jahrzehnt in derselben Wohnung, ungestört und unbelästigt, weilt, ist man

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