Chapter

Kapitel 1

In einem der elegantesten Quartiere des Hotel Impérial zu Genf ruhte auf dem Sofa eine junge Frau. Wie sie da lag, den kleinen, von schwarzen Spitzen umhüllten Kopf an die roten Kissen gelehnt, indes die blonden Locken weich und schwer niederfielen und die Hände mit lässiger Grazie im Schoß ruhten, bot sie, ohne schön zu sein, ein reizendes Bild dar. Alles an ihrer Erscheinung war wie hingehaucht, so daß man fast erschrak vor solcher Zartheit, die bei den Menschen wie bei den Pflanzen leider nur den Blüten ephemerer Art eigen ist. Ihre Ruhe schien auch durch Schwäche bedingt, denn die Blicke wanderten lebhaft durch den Raum, bei jedem Geräusch erwartungsvoll nach der Tür sich richtend, um gleich nachher ungeduldig auf eine kleine Reiseuhr zu fallen, die auf einem Tischchen neben dem Sofa stand. Wie der Zeiger allmählich voranrückte, konnte sie ihre Unruhe nicht länger bemeistern, und sich halb aufrichtend rief sie einer alten Frau, die im Nebenzimmer beschäftigt war und deren breite Gestalt oft durch die geöffnete Tür sichtbar wurde. »Anne,« rief sie, und trotz der Anstrengung hatte die Stimme nicht viel Klang – »Anne, ist Miß Nora noch nicht zurück?« »Kleine Miß ist beim Herrn,« sagte die Alte in gebrochenem Deutsch. Ihr bräunlicher Teint wie ihre auffallende Gesichtsbildung zeigten, daß sie nicht von europäischer Herkunft war. »Kleine Miß auch sehr gut aufgehoben beim Herrn,

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