Chapter

Kapitel 1

Es war ein feuchtwarmer, außerordentlich schöner Maiabend; alle Hecken standen grün, alle Obstbäume blühten; ihre Wipfel und Aeste trugen so viele Blüthen wie ein junges Menschenleben Hoffnungen – aus den wenigsten wird etwas, und so ist’s mit den Apfelbaumblüthen ja leider auch. Das focht aber sicherlich nicht die „Thurmschwalbe“ an, das rosige junge Mädchen, das mit einem Strickstrumpf von respectabler Länge und Weite auf einer Terrasse unter dem Laubdach prachtvoller, eben grün gewordener Kastanien auf und ab ging und dabei ein Lied trällerte. Siebenzehn Jahre mochte sie haben, die „Thurmschwalbe“; dazu hatte sie ein reizendes feines Gesicht mit einem gebogenen Näschen, schelmischen dunklen Augen, über welche sich auffallend lange Wimpern senkten, wenn sie auf ihre Arbeit niederblickte, und üppiges, glänzend schwarzes Haar, das ein wenig nachlässig am Hinterhaupt zusammengeknotet war; die Gestalt war schlank und zierlich; sie hob sich im Gehen wie tänzelnd bei jedem Schritt auf den Zehen und dabei trällerte sie ein Lied, still für sich, nur zuweilen schmetterte sie mit ihrer hohen, noch ziemlich dünnen Stimme ein paar Noten laut heraus, wie eine Lerche, die etwas aus sich herausjubeln muß. Ihre Kleidung war sehr einfach, gar nicht so vornehm wie ihr feines Gesicht; sie trug ein kurzes Kattunkleid, wie es Mode war im Anfang unseres Jahrhunderts, so kurz, daß es die mit

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