Chapter

Die Sünderin

Das Schreiben, selbst an meine liebsten Menschen, ist mir eine Qual», sagte Louise von François, und: Mir auch, mir auch! dachte die alte Baronin, als sie den vierten Brief, den sie heute geschrieben hatte, und jeden an einen ihr sehr lieben Menschen, schwer seufzend schloß. Kein fauler Student sehnt sich ungeduldiger von der Schulbank fort, als sie sich fortsehnte vom Schreibtisch in den Garten hinaus. Es war ein Sommermorgen von jauchzender Pracht. Ein Blick ins Freie umfaßte eine Welt von Schönheit: Schauen war Glück und Atmen Genuß. Vom offenen Fenster her kam in lauen Wellen die Luft hereingestrichen über die frisch gemähten Wiesen, durch das Geäste der Fichten, das helle Laub der Tulpenbäume, den Blätterreichtum der Flügelnuß. Und von drüben grüßte die Deucia, die sich aus der Ferne ausnahm wie ein großes, von Künstlerhand gebundenes Bukett und deren einzelne Blüten in der Nähe kleinen Damen gleichsehen in weiß und rosa Ballkleidern. Die Baronin schob ihre erledigte Korrespondenz von sich und wollte eben aufstehen, als die Kammerjungfer, Fräulein Emilie, erschien. Sie war ältlich, lang und dürr, und ihre Bewegungen hatten etwas Automatenmäßiges. An der Tür blieb sie stehen und meldete kurz und bündig: «Die Fanka ist da!» «So, so – die Fanka. Was fällt ihr ein? Wer hat sie gerufen?» «Kommt von selbst. Möcht die Arbeiten für das Armenhaus wieder haben.» «Möcht sie? Ohne

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