Chapter

Erster Teil

Ricarda Huch der großen Frau mit dem wissenden, feinen und gütigen Herzen Der Grund, warum ich damals meine Stellung im Ausland unvermutet aufgab und in meine Heimat zurückkehrte, war nicht allein im argen Heimweh zu suchen, das mich befallen hatte. Es war etwas dazugetreten, das eifrig wie ein Gebot klang, und dem ich unbedingt Gehör schenken mußte, wenn ich mein Leben nicht mutwillig verkümmern lassen, und in eine Ecke schleudern wollte wie einen Knäuel verbrauchtes Papier. Ich hatte eines Wintermorgens neben meiner Schülerin gesessen, um ihr Klavierspiel zu überwachen. Draußen und in den Zimmern war es so kalt, daß wir beide, Monica und ich, uns in Wolltücher eingepackt hatten; unsre Hände waren erstarrt, und unser Atem ging wie ein wirbelnder Hauch durch den Raum. Ich war vom Stuhl aufgestanden und wandelte, um mir Bewegung zu machen, auf dem blaßblauen Teppich hin und her. Da gewahrte ich auf dem Kaminsims unter dem Spiegel ein Buch, das sonst nicht dagelegen hatte. Es war Lessings Laocoon. Leidenschaftliche Liebe zu Büchern war schon seit längerer Zeit in mir erwacht. Der Eindruck aber, den gerade dies Buch damals auf mich machte, bedeutete eine völlige Umgestaltung meines Lebens. Der geräuschlose, überwältigende Ernst solch gründlichen Wissens, das in die Mauer aller Erkenntnis eine Bresche zu schlagen schien, die ruhige Gewalt der Auseinandersetzung mit der Welt der

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