1. Kapitel. Am Hochzeitsmorgen.
Klarissa Rhoden war gerade mit dem Morgenanzug fertig geworden, als die Mutter leise die Tür des kleinen Stübchens öffnete und hineinlugte. „Darf ich eintreten, Kind?“ fragte Frau Rhoden mit einem feinen, gütigen Lächeln. „Ich ahnte schon, daß du an diesem Tage nicht gerade zu den Langschläfern gehören würdest. – Ja, ja, ich besinne mich noch so genau. Auch ich war an meinem Hochzeitstage früh munter. Das ist nun schon so lange, so lange her.“ Klarissa, in dem hellen, duftigen Morgenanzug doppelt reizend, war der Mutter entgegengeeilt und hatte sie in das Zimmer gezogen. Nun hielten die beiden Frauen sich eine Weile fest umschlungen, beseelt von demselben Gedanken: daß es heute Abschied voneinander zu nehmen galt, daß die Jahre treulichen, harmonischen Zusammenlebens nun vorüber waren. Dann machte das junge Mädchen sich sanft los, ging zu dem einzigen Fenster und zog die Vorhänge zurück. Strahlender Sonnenschein lag draußen auf den in erster Frühlingspracht blühenden und grünenden Gärten jenseits der breiten, asphaltierten Straße, freundliche Sonnenstrahlen stahlen sich auch in breiter Bahn in das Stübchen mit den hellen Möbeln hinein, aus dem eine geschmackvolle Hand einen kleinen Tempel holder Mädchenträume mit Gegenständen aller Art, Bildern, Schleifen, Postkarten, zierlichen Nippes und anderem, geschaffen hatte, an die sich die Erinnerungen einer bescheidenen, aber