Die Sonne von St. Moritz
Der Gong rief schon das zweitemal zum Lunch. Aber von den Hunderten der Wintergäste des Grand Hotels St. Moritz, für die in dem Riesenspeisesaal gedeckt war, fand sich erst ein kleiner Teil ein. Unpünktlichkeit schien hier Gesetz. Man erlebte jeden Vormittag wieder den unbegreiflichen Sommer überm Schnee, man sonnte sich, man lief Schlittschuh oder Ski. Der Lift, der unermüdlich sämtliche Stockwerke bis zum Hotel-Eisplatz hinabglitt, brachte noch mit jeder Fahrt ein Dutzend erhitzter Eisläufer herauf. Und in allen Sprachen schwatzend zogen die Pärchen, die von den Rodelbahnen kamen, durch das von vier Pagen bediente Glasportal des Windfangs. In dem Wandelgang, der in halber Höhe an der Hotelhalle entlang lief, entledigten sich die Ankömmlinge der hohen Überschuhe und der Bergstöcke. Durch die mächtigen Spiegelscheiben grüßte die von der Sonne übergossene Schneelandschaft des Piz Rosatsch herein. In der Halle wurden Verabredungen für den Nachmittag getroffen, man überflog noch rasch die neuesten Bekanntmachungen des Bobrennklubs und der Vergnügungsausschüsse, man umdrängte den Postschalter. Drinnen im Speisesaal, in den schmalen Gängen zwischen den blumengeschmückten Tischen, harrten die Kellner. Unruhig trat der Oberkellner in die Tür. Mit Verbeugungen, leicht abgetönt zwischen Wohlwollen und Ehrfurcht, empfing er die Ankömmlinge. »Er zählt die Häupter seiner Lieben –!« sagte