Die Sieger
In der der Münchener Frauenkirche gegenüberliegenden kleinen und bescheidenen Gastwirtschaft »Zur Löwengrube« erschien zu Ende der achtziger Jahre ein Mann, der dort sein einfaches Mahl einnahm. Der Wirt, ein alter Münchener von echtem Schrot und Korn, wie die Stammgäste, Gewerbetreibende aus der Nachbarschaft, untere Beamte vom nahen Landgericht und ein paar junge Akademiker, kannten und ehrten seine Gewohnheiten. Schon eine Viertelstunde vor seinem pünktlichen Eintreffen belegte die Kellnerin den runden Fenstertisch und verbarrikadierte durch allerhand schlaue Vorsichtsmaßregeln den einsamen und bescheidenen Gast vor unwillkommenen Störungen. Er konnte wohl so Mitte der Vierzig zählen; seine stattliche Gestalt war noch völlig schlank. In dem bartlosen, scharfgeschnittenen Gesicht, dessen gewaltig geformte Stirn von einer grau durchsprenkelten Mähne umwallt war, funkelte ein Paar wundervoller dunkler Augen, aus denen wohl je nach den häufig wechselnden Stimmungen, denen er unterworfen war, Hoffnung und Entsagung, Zuversicht und Enttäuschung sprachen. Er war ein stiller, ernster Mann, der mit niemand ein Wort wechselte, niemals eine Zeitung las und ganz seinen Gedanken nachhing. Der einzige Mensch, dem es erlaubt war, an seinem Tische Platz zu nehmen und mit ihm zu plaudern, war der Buchbindermeister Sebastian Gerum, ein schlichter, in seinem Handwerk wohlerfahrener Mann.