Die sentimentale Woche
Auf der Leopoldstädter Brücke stand an einem heißen Sommernachmittag ein junger Mann in modischem Anzug und sah mit einiger Verzweiflung bald die Donau, bald die Bastei, bald die Vorübergehenden an, bis er sich endlich ein Herz faßte und einen schlichten Bürger anredete: »Können Sie mir nicht sagen, wo ich zur Madame Pichler komme?« »Was soll sie denn sein, die Frau von Pichler?« fragte der Mann entgegen. »Nun mein Gott, das Kleinod Ihrer vaterländischen Literatur. Besinnen Sie sich doch, bester Mann!« »Ach, der Herr hat seinen G’spaß mit mir! Wo soll sie denn wohnen?« »Ja, das frag’ ich Sie eben. Ich hatte eine Empfehlung ans Berlin an sie, ein Bekannter ist mit mir hingefahren, ich gab im Sprechen nicht Acht auf den Weg, fand die—Dame nicht zu Hause, lasse den Brief und eine Karte zurück, und erhalte heute eine Einladung zu einem ästhetischen These. Der Baron Maltitz — Sie werden ihn sicherlich kennen —— soll sein vortreffliches Lustspiel: »Dichter und Uebersetzer« vorlesen, — ich, im Glauben, ich könnte das Haus wohl finden, mache mich aus meinem Gasthofe allein auf den Weg, aber das alte Nest zur Dreifaltigkeit ist wie eine Diebshöhle mit so vielen Ausgängen gebaut, daß ich heute zum zehnten Mal schon mich im Corridor verirrte und durch ein paar Winkelgäßchen hierher kam, ich weiß nicht wie? — Wer in aller Welt bringt mich zu Frau von Pichler?« »Der Herr thut mir leid, aber