Das Document
Die Gräfin Allgunde von Quernheim befand sich in ihrer Wohnung, im Hause ihres Vaters. Es war ein hohes Zimmer ohne Vorhänge vor den zwei Fenstern, ohne jene hundert kleinen Zierlichkeiten und Bequemlichkeiten, mit denen ein verwöhnter Frauengeschmack sich zu umgeben pflegt. Das altfränkische, mit grünem Moire überzogene Canapé zeigte keine gestickten Kissen und keine Blume oder seltene Pflanze schmückte die Fensterbänke. Außer den nöthigen Möbeln stand nur ein Clavier an einer der Wände; doch seit mindestens zehn Jahren war es nicht mehr geöffnet worden. Allgunde spielte seit dieser Zeit nicht mehr; sie liebte die Musik nicht. Jetzt waren mehrere schwere Folio- und Quartbände statt der Notenhefte auf das unglückliche Instrument gepackt; meist Wappenbücher, ererbte Manuscripte historischen Inhalts und ein paar lateinische Classiker. Allgunde verstand und las Latein. Sie saß auf dem Canapé, ein aufgeschlagenes Buch, welches ihrer Hand entglitten war, auf den Knien. Vor ihr, im Zimmer auf- und abwandelnd, bewegte sich Heydenreich Tondern. Ihre Blicke folgten ihm, doch ohne Ausdruck, als ob sie Anderm nachsänne. Nach einer Weile ergriff sie das Buch wieder und blätterte darin. Es war ein einzelner Band eines neuen Romans, der durch Zufall hierhin verschlagen war, wo er weit und breit keinen Unglücksgefährten zu finden hoffen durfte – unter Larven die einzig fühlende Brust! Denn