Vorwort des Übersetzers
Eben die Gründe, die mich bestimmt hatten, der Zaide ein Deutsches Gewand zu geben, haben mich vermocht, der Schwester derselben ein Gleiches zu thun. Die Verfasserinn beyder verdient es wohl, ihren Talenten und ihrem Herzen nach, unsern Landsmänninnen so vorteilhaft bekannt zu werden, als sie es ihren Zeitgenossinnen war, und die Prinzessinn von Cleves kann ihr, in so fern feines Gefühl, Tugend, strenge Moralität, Einfall und Adel aus diesem Werke wie aus ihr selbst sprechen, diesen Dienst unwidersprechlich leisten. Wer die Zaide gelesen hat, wird finden, daß sie und die Prinzessinn von Cleves von Einer Hand und aus Einem Herzen seyn müssen, nur hat jene eine mehr romantische und buntere Einfassung, als diese, die ein sanftes, einfaches, aber ganz vollendetes Gemählde eines zärtlichen und edlen Herzens ist, in welchem Liebe und Tugend um den Vorrang streiten. Ich gestehe, daß ich kein darstellendes Werk kenne, wo diese Aufgabe mit mehr Zartheit, feinem Gefühl, und tugendhafter Kenntniß des weiblichen Herzens durchgeführt und zu einem moralischen Zwecke geleitet worden wäre, als in diesem, und wer die sanfte, auf die innigste Kenntniß der Liebe gebauete Stufenfolge vom ersten Eindrucke bis zum äußersten Grade derselben auffassen und ihr nachgehen will, wird finden, daß er einen in Handlung gesetzten Kommentar über jene Leidenschaft gelesen hat. Auch in Absicht der