Die Präsidentin
Dem heißen Tage war ein schwüler Abend gefolgt. Die Sonne hatte vierzehn Stunden lang an dem wolkenlosen Himmel gebrannt. Sie sandte ihre letzten Strahlen den Haiden, den Fluren, den Wäldern Litthauens, auch dem Schlosse Romnike. Das Kupferdach des Thurmes auf dem alten Schlosse leuchtete wie in dunklen Feuerflammen; heller glänzten die vergoldeten Zahlen auf dem großen Zifferblatte der Thurmuhr. Fünf Minuten vor acht meldete der Zeiger. Das Schloß lag mit seinen Nebengebäuden und seiner ganzen Umgebung in der tiefsten Stille des Abends. Man sah keinen Menschen und kein Thier; man vernahm kein Geräusch, keinen Laut; nur hinten aus den Pferdeställen drang zuweilen ein Ton herüber, der anzeigte, daß ein Roß das frisch untergelegte Stroh stampfte und den Hafer in der Krippe mit einem leisen Wiehern begrüßte. Sie hatten alle in der langen Tageshitze ihre schwere Arbeit gehabt; sie ruhten jetzt aus. Der Zeiger auf dem Zifferblatte der Thurmuhr war weitergerückt; die Uhr schlug acht. Aus einer Seitenthür des Schlosses trat eine ältliche Frau hervor; aus dem hohen mittleren Schloßportal schritt ein Mann in mittleren Jahren. Beide mußten zu der Dienerschaft des Schlosses gehören. Dienern eines vornehmen Hauses sieht man ihre Stellung auf den ersten Blick an. Der Diener war schwarz gekleidet, trug eine weiße Halsbinde, weiße Handschuhe; er war barhaupt. Alles an ihm war fast peinlich