Die papierene Macht
Graf Etienne Vließen hatte zu Hause gefrühstückt. Das kam nicht oft vor. Er scheute diese prunkvolle Häuslichkeit, deren gleißender Schimmer ihn um so mehr anwiderte, je öder und zerfallener es in seinem Innern wurde. Wochenlang war er auf Reisen; er dehnte seine Jagdausflüge nach Möglichkeit aus, besuchte Freunde in Kurland, fuhr wohl auch einmal auf vierzehn Tage nach Monte Carlo oder Paris, verlebte seine Tage im Klub und auf den Rennplätzen – ohne sichtliches Interesse – nur, um seiner entsetzlichen Häuslichkeit zu entgehen. Denn diesem Heim fehlte die wärmende Seele. Etienne hatte geglaubt, auch er habe keine Seele. In seinem cynischen Egoismus hatte er, als er um Minna Düren gefreit, sich selber für schlechter gehalten, als er thatsächlich war. Das strafte sich. Er war nur verkommen – und er fühlte, daß er an der Seite seiner Frau mehr und mehr verkam … Es war seltsam. Die Frau störte ihn kaum. Sie ließ ihn leben, wie er wollte. Sie hatte niemals ein böses Wort für ihn. Sie that, was er wünschte; begleitete ihn in die Gesellschaften, wenn er es verlangte, und blieb ebenso willig daheim, wenn er irgend einen beliebigen Grund dafür fand. Sie lag mit ihrer ewigen Migräne viel im verdunkelten Zimmer, verträumte die Tage und zeigte sich nur, wenn er mit ihr zu Hause dinierte. Dann saß sie ihm stumm gegenüber, mit dem häßlichen rotfleckigen Gesicht, das sie selbst zu genieren