Chapter

Die Operettensängerin

Wir befinden uns in dem überheizten Salon eines Hauses in einer kleinen Provinzstadt … Die Wände sind mit einer Tapete in schreienden Farben bekleidet, auf welcher ein Blumenstrauß in zahllosen Variationen wiederholt ist. Auf dem Schrank oben – denn ein Schrank ist in dem Salon auch vorhanden – stehen Gläser mit eingekochten Früchten in Reih und Glied; die Polstermöbel sind mit einem grauen Leinwandüberzug versehen, offenbar um den darunter befindlichen Stoff zu schonen. In diesem Zimmer, vor dessen großem Stehspiegel zwei Armleuchter auf der Erde stehen, kleidet sich Fräulein Marie an. Das heißt, sie kleidet sich nicht an, sondern sollte sich nur ankleiden. Schon seit zehn Minuten sitzt sie vor dem großen Spiegel, die beiden Hände über das rechte Knie geschlungen. Sie betrachtet nicht das eigene Konterfei, denn während eines Zeitraumes von dreiundzwanzig Jahren hatte sie reichlich Gelegenheit, sich daran zu ergötzen, und seit den letzten drei oder vier Jahren ging keinerlei größere Veränderung in ihrem Äußeren vor, sondern sie folgt mit den Blicken dem blauen Rauch, welcher der Zigarette entsteigt, die sie zwischen den Lippen hält. Die einzelnen Bestandteile ihrer Balltoilette lagen teils auf den Stühlen herum, teils hingen sie an den Säulen des Spiegelrahmens. Die junge Dame hatte ein Wolltuch über die entblößten Schultern geworfen; im übrigen war ihr Haar noch nicht

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