Die trauernden Hinterbliebenen
Ein milder Herbstwind strich über die Höhen von Westend, über den Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Mitleidig küßte er die sterbenden Astern und Chrysanthemen, die auf einem frischen Hügel dahinwelkten. Der Gottesacker, soeben noch ein Versammlungsort der Finanzaristokratie aus Berlin W, war wieder einsam und leer. Nur ein paar Totengräber besorgten die Aufräumungsarbeiten auf dem Erbbegräbnis der Familie Gleiwitzer. In den weißen Tempel aus kararischem Marmor war heute der erste Gast eingezogen: Frau Kommerzienrätin Rosalie Gleiwitzer, geb. Menkus, »unsere unvergeßliche Gattin, Mutter, Schwiegermutter und Großmutter«, wie es so würdig in der dritten Beilage der Zeitungen gestanden. Der Pastor hatte eine wunderschöne Rede gehalten. Er schilderte, wie das die Seelsorge wohl zu verlangen pflegt, in rührenden Worten, wie die Leidtragenden die große Lücke, welche die prächtige Frau hinterlassen, eigentlich erst später so recht spüren würden. Er sagte das so überzeugend, daß nicht nur die Augen der nächsten Angehörigen sich mit Tränen füllten, sondern daß selbst ein Bankdirektor beim Verlassen des Friedhofs mit dem Taschentuch eine Zähre aus den Augenwinkeln entfernte. Nun war alles vorüber. Tutend und rasselnd waren die Autos der Berliner Finanzaristokratie wieder die Höhen von Westend herabgesaust, und der Mercedeswagen des Kommerzienrats Ludwig Gleiwitzer hatte den