Der Nebel
Frida hatte die Apotheke von ihrer Tante geerbt, zusammen mit dem alten Fachwerkhaus in der Altstadt von Quedlinburg und einem Rezeptbuch, das handgeschrieben war und Tinkturen enthielt, die in keiner Pharmakopöe verzeichnet waren. Sie hatte die seltsamen Rezepte ignoriert, bis an einem Novembermorgen der Nebel kam und nicht mehr ging.
Es war kein gewöhnlicher Nebel. Er lag über der Stadt wie eine Decke, dicht und weiß und so still, dass er die Geräusche verschluckte — das Läuten der Kirchenglocken, das Rauschen der Bode, die Stimmen der Menschen auf der Straße. Wer in den Nebel hinausging, kam verändert zurück, stiller, nachdenklicher, mit einem Ausdruck in den Augen, als hätten sie etwas gesehen, das sie nicht beschreiben konnten.
Frida sah die Gestalten am dritten Tag. Sie standen im Nebel vor ihrem Fenster, schemenhafte Silhouetten, die sich bewegten wie Menschen unter Wasser, langsam und fließend. Sie kamen und gingen mit dem Nebel, und wenn Frida genau hinsah, konnte sie erkennen, dass einige von ihnen Gesichter hatten, die sie kannte — das Gesicht ihrer Tante, das Gesicht des alten Apothekers, der vor dreißig Jahren gestorben war, Gesichter von Menschen, die irgendwann in Quedlinburg gelebt hatten und nun zwischen den Welten wanderten.