Die Moden der guten alten Zeit
Herr Goehl war ein ziemlich wohlhabender Kaufmann zu Berlin, den seine Gattin mit einem Sohn und einer Tochter beschenkt hatte. Leberecht nannten sie Jenen, und hatten ihn, nach wohlabsolvirter Unterschule, auf die Oberschule – Wolke sagte Hochschule und Hoechstschule – nach Halle gesandt, um sich zum Doktor der Arzneigelahrtheit auszubilden. Waer es nach Herrn Goehl gegangen, haette Leberecht im vaeterlichen Tuchladen Buch und Elle gefuehrt, es ging aber nach Madame Goehl, die hoeher hinaus und das Muttersoehnchen Herr Doktor angeredet hoeren wollte. Freilich mußte sie ihn auch drei Jahre missen, was ihr einen nicht geringen Aufwand von Thraenen abnoethigte. Es gab demungeachtet einen lebhaften Briefwechsel, waehrend er sich zu Halle befand. An den Vater schrieb Leberecht selten, wohl aber an die Mutter – damals bei Honoratioren stets Mama genannt – zu der seine Kindlichkeit mehr Vertrauen hegte. Die Briefe hatten stets die naive Nachschrift: »Wenn ich kein Geld brauchte, schrieb ich nicht.« Weil dies jedoch nicht selten der Fall war, schrieb er auch oft, und eigentlich bestand der ganze Brief nur aus dem Postscript. Von andern Seiten empfing der Vater dagegen Zuschriften aus Halle. Von Gast- und Hauswirthen, Schneidern und Schuhmachern, Pferdevermiethern und Aufwaertern, die Alle um Tilgung gewisser Rueckstaende baten. Als Korrespondentinnen traten selbst etliche Dienstmaegde