Chapter

Das Wiedersehen

Je näher der Schnellzug der Hauptstadt Württembergs kam, desto unruhiger wurde ich. Weite fruchtbare Ebenen, Weinberge, kleine Städte mit freundlichen Häusern und ehrwürdigen Kirchtürmen, alte Schlösser auf Bergeshöhen glitten an mir vorüber, ohne daß ich ihnen auch nur einen Gedanken gewidmet hätte. Nicht einmal die zwei wandernden Juden, die in Würzburg in mein Abteil gestiegen waren, konnten mir mit ihren Patriarchenbärten und ihrer sonstigen alttestamentlichen Ausstattung das kleinste Interesse abgewinnen, ja selbst mein Gegenüber, eine hübsche junge Dame ohne das Sklavenzeichen am Ringfinger, war nicht imstande, mir auch nur die bescheidenste liebenswürdige Bemerkung zu entlocken. In meiner Tasche steckte unberührt die Berliner Morgenzeitung mitsamt dem berüchtigten Buch »Das gefährliche Alter«, und ich, der sonst die Gewohnheit hat, mit der Lokomotive um die Wette zu qualmen, ertappte mich einmal ums andre darauf, daß ich an der ausgegangenen Zigarre zog. Alle meine Gedanken drehten sich um einen Punkt, um das Wiedersehen, dem ich entgegenreiste, das Wiedersehen mit den Kameraden von den fernen, glücklichen Jagdgefilden Moghrebs. Dreizehn Jahre waren verflossen, ohne daß wir uns gesehen oder voneinander gehört hatten. Wir waren auseinander gegangen, jeder war nach seiner Heimat in sein Vaterland gezogen: aber ehe wir uns trennten, hatten wir einander hoch und teuer

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