Chapter

Die Locke der Charlotte Corday

Die Locke der Charlotte Corday. „Die Mondesschimmer fliegen, Als säh’ ich unter mir Das Schloß im Thale liegen, Und ist doch so weit von hier!“ Eichendorff. Ich sehe es wirklich, in diesem Augenblick, das alte melancholische Herrenhaus auf der vereinsamten Landstraße nach H–, und eine Eichendorff’sche Mondbeleuchtung paßte zu den grauen Mauern, der breiten Steintreppe, dem mächtigen Park mit seinen steinernen Göttergestalten, die alle heimlich Leid trugen um eine fehlende Nase, einen abgebrochenen Arm, eine zerbröckelte Hand, einen losgelösten Fuß. Jetzt ist es seit vielen Jahren unbewohnt und der Obhut eines alten Castellans überlassen, denn der junge M., der es nach dem Tode seiner Verwandten erbte, besitzt eine reizende Villa am Comer See und zieht den Aufenthalt in Licht und Glanz begreiflicher Weise dem Leben in jenem grauen Palaste vor. Und dennoch scheuen manche Fremde, die auf der breiten Schienenstraße Deutschland durchfliegen, jenen Umweg und Zeitverlust nicht, um dem alten Schlößchen einen Besuch zu machen. Man zeigt nämlich dort das einzige wahrhaft getreue Portrait des Mädchens von Caen, der wunderbaren Charlotte Corday. Auf einer Staffelei im Erkerzimmer des linken Flügels steht es, in einen schwarzen Holzrahmen gefaßt, in ergreifender Schönheit. Es ist nur flüchtig angelegt, fast skizzenhaft, von mattem Farbenton, aber der Charakter dieses seltenen Kopfes ist so

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