Einleitung
»Il n'y a d'immoraux que les livres sans talent.« C. L. Von diesem Buche ist einmal in seltsamer Weise gesprochen worden. Und zwar an einem Orte, wo man sonst selten von modernen Werken spricht. In Brügge. Das war vor ein paar Jahren. Philisterprüderie regte sich wieder einmal in ungemütlicher Weise und schlug in läppischem Zorne, wie allemal, tüchtig daneben. Gerade die beiden besten Bücher des jungen erstarkenden Belgiens schleppte man vor Gericht, um sie mit der Brandmarke der Paragraphen 383 und 384 des Strafgesetzes – Vergehen gegen die Sittlichkeit – zu stempeln. Und natürlich war es schon wieder zu spät, denn sechsfache Auflagen hatten die beiden meisterlichen Werke längst breiteren Kreisen vermittelt. George Eckhoud war der eine Verbrecher – der Schöpfer jener ergreifenden Tragödie der Heterosexualität Escal Vigor – Camille Lemonnier der andere mit diesem Buche, das nun endlich auch in Deutschland die Pathologie einer verzweifelten Leidenschaft erzählen darf. Und damit der Schlag, zu dem man so umständlich ausholte, auch sicherlich treffe, hatte man Brügge, die alte, trauliche, verzauberte, bigotte Stadt zum Urteilsspruch erwählt. Gerade Brügge war auserkoren. Denn dort weiß man nichts vom Leben und seinen Leidenschaften. Dort verfließt den Menschen ihr Dasein wie ein dunkler, frommer Traum der Traurigkeit und vergeistigter Entsagung. Nie rufen die alten Kirchenglocken