Erstes Kapitel
Moritz Graf von Sachsen ging auf den Arm seines Generaladjutanten, des Herrn von Espagnac, gestützt, mit bleischweren Sohlen im buntbelaubten Park des Schlosses Chambord spazieren. Der Oktober hatte Gehölze und Alleen mit Bronzetönen angehaucht, und die nackten Nymphen, die in der großen Buchsbaumrotunde vor dem Pavillon Dianas aufgestellt waren, glänzten taubeperlt. Von der Loire herüber wehte ein feuchter Hauch und beschlug die vierhundert Fenster des Schlosses, daß sie in allen Farben des Regenbogens schillerten. Der Marschall hatte hohe filzgefütterte Stiefel angezogen, die zu dem Samt des bequemen Hauskostüms schlecht paßten, aber es war gerade niemand da, um dessen böse Zunge oder schöne Augen er sorgte, und er ließ sich in den letzten Wochen ein wenig gehen, beinahe schwermütig und ganz von Groll gegen die Beschwerden frühen Alterns erfüllt, gegen die kein Wehren mehr half. Wohl war er nicht unschuldig an dem vorzeitig 6 hereingebrochenen Verfall, aber dieser kränkte ihn trotzdem wie eine ihm von der Natur angetane Unbill. Als er am Arme Espagnacs die Stufen zum Pavillon Dianas emporstieg, klang von den Wasserbecken das Larilarido eines Campagneliedes herüber. Es schwamm trotz seiner leichtbeschwingten Weise unsäglich traurig in der klaren Luft und erhöhte die Stille des herbstmüden Parkes. »Mein Gott, wie traurig!« murmelte Moritz. »Ich sterbe an Langeweile, am