Die Leidenschaften
Es liebt sich selbst Genuß und seine Ehr', Der Mann; dafür er Alles opfert hin: Das Weib hat nicht für solche Opfer Sinn; Für ihn sie opfert sich – und das ist mehr. Tegnér. In München in der Steinhäuser Straße stand ein großes Haus von finsterem Aussehen. Die immer heruntergelassenen Fenstervorhänge und das fortwährend verschlossene Thor gaben zu der Vermuthung Anlaß, daß dasselbe verlassen oder seit Jahren nicht bewohnt gewesen sei. Fühlte aber Jemand sich durch Neugierde versucht, sich darüber Auskunft zu verschaffen, so erhielt er die unerwartete Aufklärung, daß die Eigenthümerin des Hauses, eine reiche Wittwe, seit mehreren Jahren dort allein wohne. Im Frühling des Jahres 18– trug sich in dem Schlafzimmer der Eigenthümerin Folgendes zu. Dieses Zimmer, welches sorgfältig möblirt war, hatte doch ein schwerfälliges und steifes Aussehen. Im Bette mit den dicken, dunkeln Vorhängen lag ein Weib von ungefähr einigen und vierzig Jahren. Ihr Gesicht und ihre Hände waren abgezehrt, so daß sie denen eines Skelets glichen. Sie würde mehr einer Leiche als einem lebenden Wesen ähnlich gesehen haben, wenn nicht das Feuer der großen, schwarzen Augen verrathen hätte, daß in dieser gebrechlichen Hülle eine Seele wohnte, welche noch der Stürme und Qualen der Leidenschaften fähig war. An ihrem Lager saß ein bildschöner junger Mann, welcher aufmerksam, aber bebend auf das horchte, was die