Chapter

Der Silberwald

Der Silberwald trug seinen Namen nicht ohne Grund. Bei Mondlicht schimmerten die Blätter der uralten Birken wie flüssiges Metall, und selbst an einem wolkenverhangenen Tag wie diesem lag ein fahles Leuchten über den Wipfeln, das keiner natürlichen Quelle entsprang. Elia kannte den Wald seit ihrer Kindheit, kannte jeden Pfad, jeden Bach, jeden Felsen, der das Unterholz durchbrach — und doch hatte sie diesen Ort noch nie gesehen. Die Lichtung war kreisrund, als hätte jemand sie mit einem Zirkel aus dem Dickicht geschnitten. In ihrer Mitte stand ein Stein, nicht höher als ein Knie, moosbedeckt und von Wurzeln umschlungen. Darauf lag etwas, das im trüben Licht kaum zu erkennen war: ein Reif aus dunklem Metall, verziert mit Symbolen, die Elia nicht lesen konnte, aber deren Bedeutung sie in den Knochen spürte. Als sie die Hand ausstreckte, begann die Luft zu summen. Es war kein Geräusch, das man mit den Ohren wahrnahm, sondern eines, das den ganzen Körper durchdrang, von den Fußsohlen bis in die Haarspitzen. Die Bäume ringsum neigten sich, als verbeugten sie sich vor etwas, das lange vergessen war und nun zurückkehrte. Elia zögerte. In den Geschichten, die ihre Großmutter ihr erzählt hatte, begann das Unglück immer genau so — mit einem Gegenstand, der darauf wartete, gefunden zu werden. Sie nahm die Krone trotzdem.

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