Die Abstimmung
Am sechzigsten Tag ohne Kontakt berief Kommandant Reuter die Versammlung ein, die niemand gewollt hatte. Dreihundert Menschen saßen im großen Saal, unter der Kuppel, durch die das Licht der untergehenden Sonne den Sand orange färbte, und hörten zu, wie der Kommandant die Zahlen vorlas, die sie alle kannten, aber die bisher niemand laut ausgesprochen hatte.
Die Vorräte reichten für acht Monate, wenn sie rationierten. Die Sauerstoffproduktion war stabil, solange die Algenfarmen funktionierten. Wasser war kein Problem — die Recyclinganlagen arbeiteten mit neunundneunzig Prozent Effizienz. Das Problem war die Hoffnung. Wie lange wartete man auf ein Schiff, das vielleicht nie kam? Wie lange klammerte man sich an eine Erde, die vielleicht nicht mehr existierte?
Die Abstimmung dauerte drei Stunden und zerriss die Kolonie in zwei Lager. Die einen wollten warten, die anderen wollten sich anpassen — die Kuppel erweitern, neue Anbauflächen schaffen, Kinder zeugen, nicht als Kolonisten der Erde, sondern als erste echte Marsianer. Jana stimmte für das Neue, und als sie ihre Hand hob, spürte sie das Gewicht der Entscheidung wie Erde an den Fingern: schwer, fruchtbar und voller Versprechen, die noch niemand eingelöst hatte.