Erstes Kapitel
»Sieh, Ghitta, wie schön der Mond über Rom gleißt! Es silbert über den Dächern.« Die schwarzhäuptige Camerista strählt das blonde Haar ihrer Herrin beim Fenster und verzieht keine Miene. Die Schönheit der Nacht rührt sie nicht. Männerschönheit macht mehr Eindruck auf sie, und ihre Gedanken fliegen in den vergangenen Tag zurück, in die Abendstunde, da sie Giorgio Caprone, den Bereiter des Kardinals de Sauli, mit einem herzhaften Kuß entlassen. Lucia Impaggi schwärmt nun ganz still in die silberne Nacht hinaus. Zu ihren Füßen streckt sich das Häusermeer Roms hin, die Kuppeln der vielen Kirchen wölben sich aus dem Dachgeschiebe auf, unzählige Türme heben ihre steinernen Leiber aus dem tiefen Dunkel ins blasse Licht, da und dort glänzen Palastfassaden, und der Kirchturm von San Onofrio ragt gleich in der Nähe aus dem Gewipfel der Oliven und Zypressen in den blauschwarzen Himmel. Das Landhaus der Lucia Impaggi, aus grauen Travertinquadern in langgestrecktem Viereck erbaut, gleicht einem castello in miniatura und blickt, ein Luginsland, vom Monte Gianicolo herab auf Rom, das wie ein schönes Geschenk Gottes zu Füßen der jungen Herrin liegt. Lucia, die die Landleute und Gärtner ringsum nur die »bionda rosa« nennen, weil ihr Haar so goldhell schimmert und ihre Schönheit an die Blumenkönigin erinnert, bewohnt diese einsame eremitageartige Heimstätte nur mit ihrer Camerista Ghitta und