Erstes Kapitel
Wolf Wolf, ein Diener Gottes, erfuhr erst im siebenten Monat die Schwangerschaft seiner Frau. Nie fiel ihm ein, sie zu betrachten. Der Talmud hinderte den Talmudlehrer, Urenkel, Enkel, Sohn berühmter mährischer Talmudisten, des Anblicks des Weibes Charlotte sich zu erfreuen, die Ölfarbe des schönen Antlitzes einzusaugen, die festen prangenden Brüste in die Hände zu nehmen, das Schreiten der hohen schlanken Beine zu bewundern. Die Frau empfand keine Zurücksetzung. Einmal – im ersten Ehejahr – hatte sie sich von Freundinnen verleiten lassen, zum Photographen zu gehen, in einen großen berauschenden Spiegel zu blicken. Die Perücke, die sie als fromme Jüdin tragen mußte, flog zu Boden, Haar umfloß die erglühten Wangen, der Mund begann kokett zu lächeln. Nach zwei Tagen brachte der Photograph die Bilder ins Haus. Wolf Wolf stampfte auf, schrie gewaltig, zerriß die Bilder. Eins wurde von Lotte gerettet, verwahrt. Seit damals war nichts als Frömmigkeit. Wolf, Religionslehrer, Rabbiner, Matrikenführer, Kantor, Schächter, unterrichtete schon um sechs Uhr morgens, in den zerfallenden Räumen der alten Schule zitterte geprügelte Jugend; Talmud, Midrasch wurde erklärt und verklärt. Täglich um acht Uhr morgens stand Wolf im Schlachthof, ein scharfes Messer in den Händen, rituell-gefühllos schnitt er Gänsen, Hennen, Tauben den schreienden Hals durch, er warf die toten Tiere im Bogen an die