Die Jahrzeit
In einer mondhellen Sommernacht vermochte sich manches schlaftrunkene Auge in der ›Gasse‹ nicht zu schließen. Ein Hund bellte ohne Unterlaß. Schon brach das graue Dämmerlicht des Morgens an und noch immer schien das wachsame, von einer seltsamen Unruhe aufgestörte Thier das Ende seiner nächtlichen Klagen nicht finden zu können. Galten sie dem leuchtenden Gestirne am Himmel? Waren Diebe in irgend ein Eigenthum der Gasse geschlichen? Erst allmälig, fast ersterbend, fast als ob der Hund die ganze seiner Thierseele innewohnende Beredsamkeit bis auf den letzten Laut erschöpft hätte, verscholl das schmerzlich gezogene, grauenhafte Heulen. Aber so lebendig wirkte die Erinnerung an die Schrecken dieser Nacht in allen Gemüthern, daß beinahe in jedem Hause, dem der Schlaf fern geblieben war, die erste Frage am frühen Morgen überall fast gleichmäßig lautete: »Was hat Jacob Löw's Hund heute Nacht nur gewollt? Es muß etwas Besonderes über ihn gekommen sein.« Resel, das ›fromme‹ Weib, das in der Nachbarschaft jenes Hauses, woher die Unruhe gekommen, ein krankes Kind zu warten hatte, und daher besonders übler Laune war, meinte sogar mit dem Ausdrucke tiefster Erbitterung: »Da kann man gewahr werden, was bei uns, leider Gottes! ein reicher Mann ist und ein armer. Wo hat man's schon gehört und erlebt, daß ein armer Mann sich einen Hund halten darf? Aber weil Jacob Löw Geld hat und die Leute ihm