Martin Overbeck und seine hundert Tage
Wie sie den alten, vierundsiebzigjährigen Herrn Martin Overbeck aus dem Krankenhause als geheilt entließen und dem kleinen Altersheim von St. Marien überantworteten, das nur den auserkorenen Abkömmlingen der ehrwürdigen Senatorengeschlechter sich öffnete, da besann sich der Genesene allen Ernstes, ob es wirklich der Mühe wert sei, noch weiter mitzumachen, und in seine feinen und klugen, regsamen und allezeit schalkhaften Züge grub sich echt und bitterlich ein verdrossener, lebensmüder Strich. Als ihn aber die Pforte des kleinen, einstöckigen Hauses unter stockendem, heiserem und unwirschem Gewimmer der bandeisenbeschwingten Glocke aufnahm, da ward ihm anders zumute. Dank der einzigen Insassin, der gleichfalls vierundsiebzigjährigen Jungfrau Agnete Susseroth, die ihn zum Willkomm mit ihren dunklen, weltfeindlichen Augen über die Brille anfunkelte, zornig, verächtlich und angstvoll zugleich, besann er sich wieder auf des Lebens Reiz, als welchen sein glückliches Fell von jeher alles Widerhaarige, alle Borsten und Dornen empfunden hatte, und sein Gegengruß war voll Fröhlichkeit. Im übrigen trug die Einführung des neuen Bewohners durch den Hauptpastor der Mariengemeinde, dessen Fürsorge über dieses Heim waltete, Herrn Armin 8 Karsten, Doktor der Theologie und Verfasser vieler Bücher, zur Versöhnung von Gegensätzen nicht das geringste bei. Wohl war Herr Pastor Karsten die