Erstes Kapitel
Als die Frau ›Zu Allen Winden‹ zu sterben kam, war sie mit dem Herrgott uneins über ihre Todesstunde. Der wußte in seiner Allwissenheit doch nicht recht, was eine Frau vor dem Abscheiden noch zu richten hat, die seit fünfzehn Jahren allein gestanden ist und allein regiert hat. Er hatte auch die Zeit übel gewählt. Wenn der Staub aus den blühenden Gräsern geht und hinter dem schwarzen Wald das Vieh auf die höchste Staffel zur Sommerung steigt, dann gehört die Frau nicht ins Bett. Aber die Himmelspacherin wußte, daß sie sterben mußte. Die Winde strichen um den Hof, der hart am Roßkopf lag und mit den kleinen Fenstern auf der Morgenseite in die dämmernden blauen Taler hinabstarrte, während auf der Abendseite der letzte Sonnenbrand noch rote Funken aus den Ziegeln schlug. Zu Allen Winden lag der Hof, und hieß ›Zu Allen Winden‹. Auf dem Scheitel der Vogesen, über den schwarzen Wäldern, war er wie ein Granitstein in die Weide gepflanzt, zwischen blanken Seelein, die wie Spiegelscherben aus dem rauhen Bergschutt blitzten. Der Vollmond stand am Taghimmel. Die Frau sah ihn still im hellen Blau stehen. Er wartete auf die Nacht. Die Sonne hatte einen starken steten Schein, keine Wolke hob sich über den welschen Seen aus dem dampfenden Grund. Hinter der Käskammer dengelte der Knecht die Sensen. Im scharfen, kurzen Klang lockte der Tod. Da sagte die Frau zu ihrem ältesten Sohn, der die